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Vergessen und nie wieder abgeholt: Manche Fundstücke finden neue Besitzer bei den populären Versteigerungen von Airports. Dort lauern auch dubiose Gäste auf Daten.

 

Die Zeit drängt. Sekt und Sandwich sind noch nicht bezahlt, zwei E-Mails sollten rasch gelesen werden. Ein Hauch von Hektik wird spürbar. Endlich ist jene Durchsage zu hören, auf die alle schon mit touristischer Anspannung warten. Niemanden hält es jetzt mehr auf den Sitzen, eine Karawane von Erholungsbedürftigen gerät in Bewegung. Ihre Maschine steht bereit für den Insel-Trip. Später setzt Ruhe ein, das Terminal ist nun wieder leer. Bis auf diesen Laptop, der einsam und verlassen auf einem Sitz liegt.
Das gestrandete Gerät, das an keinem Strand ankommen wird, zählt zu einer Randspezies der Luftfahrt. Solche Objekte können ihre Ziele nicht mehr erreichen, statt Fernweh wartet das Fundbüro. Latente Vergesslichkeit macht eben auch vor dem Flughafen nicht Halt. Immer wieder lassen Passagiere alle möglichen Habseligkeiten zurück: Koffer, Rücksäcke, Trollies, Rechner, Reiseföns, Schuhe, Bücher, Schminksets, Kameras, Aktentaschen. Solches Transport-Treibgut kann fast überall auftauchen, von den Terminals über Lokale bis hin zu Parkhäusern.
Der moderne Trubel des Carrier-Geschäftes macht solchen Utensilien sichtlich verstärkt zu schaffen. Selbst wenn sich Airlines, Airports und Personal bemühen – gewisse Ausfälle sind definitiv kaum zu vermeiden. Vor Jahren lieferte beispielsweise IT-Anbieter Sita ein Indiz dafür, dass nicht-humane Reisebegleiter mit harten Zeiten rechnen können bei ihrer Beförderung. Weltweit wurden damals rund 24,1 Millionen Gepäckstücke registriert, die mit ordentlicher Verspätung, ramponiert oder überhaupt nicht an der vorgesehenen Destination eingetroffen sind.

Weiter wachsende Popularität

Gegen dieses Schicksal wirkt jedes Fundbüro noch wie ein Wochenende in der Therme. Oft bedeutet aber auch diese Aufbewahrungsstätte nur einen Zwischenstopp. Sollte eine Louis Vuitton-Handtasche oder die Trekking-Ausrüstung nach der Frist nicht abgeholt werden, gerät ein anderes Räderwerk ins Rollen. Abgeschriebene Fundstücke, deren Eigentümer das Personal trotz aller Bemühungen nicht ermitteln kann, erhalten neuen existenziellen Sinn. Dann steigt die Chance, eine zweite Heimat zu finden, durch Auktionen. Eine Prolongierung der Vereinsamung ist für intakte Objekte wenig wahrscheinlich – solche Events verzeichnen international stetig wachsende Popularität.
Solche Versteigerungen können sich alleine von der Quantität her sehen lassen, illustriert der Flughafen Frankfurt. Im dortigen Fundbüro werden jährlich rund 22.000 solcher Gegenstände deponiert. „Ungefähr 40 Prozent der Fundsachen können ihren Besitzern zurückgegeben werden“, erklärt Sprecherin Dana Selin Kröll. Außenseiter wie etwa Schlüssel, Lebensmittel oder stark verschmutzte Dinge werden entsorgt. Zur Versteigerung schaffen es dann rund 8.000 Objekte. Das entspricht ungefähr 600 Positionen pro Auktion. Manche Angebote kommen im Bündel unter den Hammer, so wie etwa zehn Regenschirme.
Für zerstreute Zeitgenossen mit Lust auf Outdoor-Abenteuer sollte das eine Option sein. Doch auch wer solchen Schutz nicht schätzt, bleibt nicht im Regen stehen. Auf alle Gäste solcher Spektakel wartet eine ansehnliche Menge an Gütern, die jedem Kaufhausbummel Konkurrenz machen kann. Im Fall des Flughafen Zürich gelangen in zwei Stunden 120 Fundsachen unter den Hammer. Nach 60 Minuten Pause für den reizüberfluteten Besucher rücken die nächsten 120 Gegenstände ins Rampenlicht. Je nach Lokalität sind es 150 bis 500 Personen, die es kaum erwarten können, reizvolle Stücke in der Hand zu halten.
Eine gute nervliche Belastbarkeit dürfte dabei von Vorteil sein. Schließlich ist vor Beginn des Schauspiels völlig unklar, ob diesmal Top oder Schrott auf zahlendes Publikum wartet. Angeheizt wird die Spannung noch durch Überraschungspakete mit besonderer Anziehungskraft: ungeöffnete Koffer. Hier ist dann definitiv alles möglich, von verschlissener Unterwäsche bis zum teuren Schmuck. Solche Wundertüten gelten als zusätzliche Magneten, die den Zustrom der Bietermassen entsprechend befeuern.

Passionierte Schnäppchenjäger

Solche Fans präsentieren sich als buntes Publikum mit einer klaren Intention. Es sind überwiegend passionierte Schnäppchenjäger aus allen Schichten und Altersgruppen, trainiert für die Geiz-ist-Geil-Schiene. Die Perspektive, um kleines Geld brauchbare Ware abstauben zu können, setzt besondere Motivation frei. Kenner der Materie wissen Bescheid über die pikante Ausgangsbasis: Ramsch findet sich natürlich genügend, doch auch wahre Prunkstücke sind hier keine Seltenheit. Schließlich packen einige sorgsame Reisende ihre halbe Behausung in das Gepäck.
Für den Flughafen Zürich realisiert fundsachen.ch diese Auktionen. Geschäftsführer Roland Widmer weiß, was die Community fasziniert: „Die Leute  möchten günstig kaufen, außerdem gibt es zahlreiche unterschiedliche Angebote. Das wichtigste Element bleibt aber die Atmosphäre, der Wettbewerb mit anderen Bietern. Bei vielen Zuschlägen sieht man den Leuten direkt große Erleichterung an, das erhoffte Schnäppchen tatsächlich gemacht zu haben.“
Eine anderer Kreis dürfte hingegen null Interesse besitzen für schnöde Alltagsware. Solche Besucher von Auktionen verfolgen andere Wertvorstellungen. Insider berichten immer wieder, dass gerade bei Veranstaltungen stark frequentierter Airports ab und an dubiose Gäste mitbieten, die ein klares Ziel haben: Kostbare Informationen aus dem Inneren von Unternehmen. Was nach einem billigen Krimi für das TV klingt, beruht auf der Realität des Lebens als Geschäftsreisender. Falls ein gehetzter Mitarbeiter Gepäck mit Unterlagen vergisst, das nicht vom Airport-Personal geöffnet wird, können fragwürdige Zeitgenossen punkten.
Denn nicht alle Angestellten starten automatisch die Suche nach verlorenen Gegenständen – wer möchte schon dem Chef beichten müssen, was passiert ist. Oder aber so mancher Verlust wird gar nicht entdeckt. In jedem Fall könnte es prekär werden. Heikle Schriftstücke zu neuen Produkten oder Innovationen sind schließlich auf dem Schwarzmarkt begehrt. Datensammler oder skupellose Manager greifen gerne in die Tasche. Speziell für digitale Geräte ohne Besitzer. Vergessene Laptops oder Handys riechen besonders noch Topmaterial wie Kundendaten, Telefonnummern, Plänen oder Marketing-Präsentationen.

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Bildcredit: Pixabay