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B.Glaser

Schlaflos in Beirut

Die Hauptstadt des Libanon ist geprägt von Gegensätzen. Hier herrscht eine Stimmung, die fesselnd und unbegreiflich für uns Europäer ist. Genug Anreiz für FaktuM-Redakteurin Berit Glaser, Beirut genauer unter die Lupe zu nehmen.

Beirut. Wie soll ich das zusammenfassen? Schon im Landean ug ver- liebe ich mich ein bisschen. Die Stadt liegt auf einer Landzunge direkt am Meer. Auf der anderen Seite schmiegt sie sich an die Berghänge. Es ist Nacht. Alles ist beleuchtet, glänzt und glitzert. Ich habe beim Umsteigen in Istanbul noch eine Flasche Whiskey gekauft. Weiß man ja nicht, wie die trinktech- nisch so aufgestellt sind im Libanon. Die Leute stehen schon im Gang des Flugzeuges, da hat es gerade mal Kontakt mit dem Boden. Ich muss lachen. Schließlich sind es zumindest zum Teil die gleichen Reisenden, die sich beim Aussteigen in Istanbul noch ganz ge- sittet benommen hatten. Sprich: Ge- wartet haben, bis die Flugbegleiterin die Erlaubnis zum Aufstehen erteilte. Andere Länder, andere Sitten. Ich bin gespannt, wo sich das sonst noch wi- derspiegeln wird. Bei der Einreise wird mein Pass genau- estens überprüft. Keine Stempel aus Israel. Ich bekomme mein Visum.

Konservativ. Liberal. Hedonistisch.

Der Flughafen ist quasi in der Stadt. Wir fahren in den Stadtteil Hamra. In den 60er- und 70er-Jahren galt die von Osten nach Westen verlaufende Hamra-Straße mit ihren vielen Cafés, Bars und Theatern als Beiruts Champs Elysées. Das Zentrum der intellektuellen Aktivitäten der Stadt. Heute ist Hamra ein Geschäftsviertel, das aber auch rennomierte Ausbildungsorte wie die „American University of Beirut“, die „Lebanese American University“ und die „Haigazian University“ beheimatet. So gilt die geschichtsträchtige Straße als liberaler Schmelztiegel für Freidenker, mit einer verhältnismäßig geringen Anzahl an Moscheen und Kirchen. Fahren oder gefahren werden ist hier die Devise. Den Führerschein kauft man sich, geübt wird dann im echten Verkehr. Was anderes macht auch keinen Sinn, es gibt keine Verkehrsregeln und doch bin ich sicher, wer hier fahren kann, der kann es überall anders auch. Da muss er dann höchstens aufpassen, nicht vor Langeweile einzuschlafen. Das einzige absolute No-Go wäre ein Auto ohne Hupe. Keine Seitenspiegel? Kein Problem. Aber die Hupe ist Kommunikationsmittel Nummer eins. Wir überholen links, wir überholen rechts, wir machen eine neue Spur auf, die eigentlich nicht existiert. Wir fahren rückwärts auf der Autobahn, wenn wir unsere Abfahrt verpasst haben. Manche machen das auch vorwärts. Hupe und Lichthupe machen es möglich.

Hi, kifak, ca va?

In Hamra angekommen, beschließen wir, obwohl es weit nach Mitternacht ist, noch in eine Bar zu gehen. Das „Heads and Ales“. Ich sehe sofort, dass es überhaupt keinen Anlass gibt, zu denken, die Wiener Cocktailszene habe der in Beirut irgendetwas voraus. Eigenkreationen, Infusionen, ausge- feilteste Technik und Top-Qualität, was Spirituosen und Service betrifft. Auch preislich spielt sich das ganze etwa in unserer Liga ab. Nächstes Vorurteil beseitigt. Das libanesische Pfund ist seit der kriegsbedingten In ation seit einigen Jahren fest an den US- Dollar gebunden. Für einen Cocktail zahlt man hier, ähnlich wie in guten österreichischen Cocktailbars, zwischen 10 und 15 Dollar. Das können sich nur besser Situierte leisten. Das Min- desteinkommen im Libanon beläuft sich auf 500 Dollar monatlich. Es bleibt nicht bei einem Drink. Aber wann tut es das schon. Alle sind super offen und freundlich. Gesprochen werden hier mindestens drei Sprachen auf einmal. „Hi, kifak, ca va?“ ist die stehende Begrüßungsformel, die signalisiert, dass hier Englisch, Arabisch und Französisch gleichermaßen Platz haben. Auch gebürtige Libanesen sprechen ein Mischmasch miteinander, wodurch man sich gleich gar nicht so touri-mäßig vorkommt.

Kriegsgebiet

Es ist mitten in der Nacht und unter der Woche – und die Stadt pulsiert. Ich bin fasziniert von der Energie, die fast physisch greifbar ist. Eine Erklärung dafür, die ich später noch öfter bestätigt be- komme, ist der Krieg. Auch wenn es im Moment ruhig ist im Land, be ndet es sich of ziell immer noch im Krieg mit Israel. Die Unruhen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte dürften sich in den Fasern der Menschen verfestigt haben. Hier lebt man nicht für morgen. Man weiß schließlich nicht, ob es ein Morgen geben wird. So lerne ich etwa Ziad kennen. Er ist der Cousin meines Gastgebers und Miteigentümer zweier beliebter Bars im Stadtteil Gemmayzeh, dem „429“ und dem „Torino“. Ziad ist Ende 30 und erzählt mir, wie es um das Nachtleben in den 90ern be- stellt war: „Damals gab es ziemlich genau alle zwei Wochen einen Anschlag. Meist durch eine Autobombe. Wenn die letzte elf oder zwölf Tage her war, haben wir untereinander diskutiert und manchmal beschlossen, den Abend zu Hause zu verbringen. Sobald bekannt wurde, dass es soeben ein Attentat gegeben hat, strömten alle sofort wieder auf die Straße und in die Bars, um das Leben zu zelebrieren. Wieder jedenfalls eine Woche Schonzeit!“

Stadtwächter

Auf dem Weg nach Hause machen wir noch einen Abstecher ans Meer. Wir steigen über das Geländer der Prome- nade, gehen ein Stück den Strand ent- lang und klettern auf die Felsen. Die erstrecken sich weit und über mehrere Ebenen. Vor uns das Meer. Über uns der Vollmond. Völlige Einsamkeit un- weit der Hektik. Von hier aus haben wir einen guten Ausblick auf die „Pigeons Rocks“, natürliches Wahrzeichen und beliebtes Ausflugsziel. Die beiden großen Felsformationen, auf arabisch „Raouche“ genannt, stehen am westlichsten Punkt der Stadt wie Wächter vor der Küste.

Tag und Nacht

Als ich am nächsten Tag aufwache, ist es etwa Mittag. Ich bin sofort wieder voll da und muss unbedingt wissen, wie die Welt da draußen bei Tag aussieht. Ich stürze beinahe zum Fenster und ziehe die Vorhänge auf. Draußen bietet sich mir ein völlig anderes Bild als in der Nacht. Es sieht nach Ostblock aus. Abgerissen. Vom Krieg gezeichnet. Kahl. Manche der großteils ziemlich hohen Häuser sehen nicht bewohnt aus, obwohl sie es sein müssen, aufgehängte Wäsche auf Terrassen und Dächern deutet darauf hin. Es gefällt mir trotz- dem oder gerade deswegen.

Küste und Kulinarik

Am frühen Nachmittag fahren wir im zähen Verkehr aus der Stadt hinaus, die Küste entlang Richtung Norden. Unterwegs machen wir Halt beim „Makhlouf“. Eigentlich kaum mehr als ein kleines Bistro in dem ursprünglich Armenischen Viertel Burj Hammoud. Laut meinem Host gibt es hier das „mit Abstand beste Shawarma der Stadt“. Bei dem Gericht, für das die libanesische Küche unter anderem bekannt ist, handelt es sich um Fisch, Hühner- oder Rindfeisch, das mit frischem Salat und diversen Saucen in einen Fladen gerollt und – anders als bei der Kebab-Version Dürüm – anschließend noch kurz gegrillt wird. Es schmeckt fantastisch. Überhaupt ist, was der Libanon an Kuli- narik zu bieten hat, in meinen Augen ein- malig. Mit vielen Ein üssen der franzö- sischen Küche und Liebe zum Detail isst man hier zum Großteil frisch und leicht. Nach etwa anderthalb Stunden Fahrzeit, die wir aufgrund des Verkehrs für die Distanz von rund 50 Kilometern benötigen, erreichen wir Batroun. Eine kleine Stadt direkt am Meer. Bilder- buch-Beschaulichkeit. Zumindest außerhalb der Saison. Im Sommer machen Strandbäder und ein lebendiges Nachtleben die Küstenstadt zu einem beliebten Ausflugsziel. Von Zitronenhainen umgeben, ist sie seit Anfang des 20. Jahrhunderts au- ßerdem für die dort hergestellte frische Limonade bekannt.

Lady of Harissa

Auf dem Rückweg machen wir in dem kleinen Ort Jounieh halt. Er gilt als „Sündenpfuhl“ des Libanons. Viele gut betuchte Muslime aus weniger liberalen arabischen Staaten nutzen hier die diversen (rotlichtigen) Vergnü- gungsangebote oder versuchen ihr Glück im „Casino du Liban“. Unser Ziel ist die Talstation der Seilbahn zur Madonnen-Statue „Lady of Harissa“. Die kleinen Gondeln, für maximal vier Personen, gleiten quasi vom Strand aus über die Küstenstraße direkt an den Wohnhäusern vorbei den Berg hinauf. Die etwa 20-minütige Fahrt lohnt sich schon alleine für den Ausblick, der wirklich atemberaubend ist. Die Kirche Notre Dame ist ein feierlicher und dennoch weltlicher Ausdruck der Verehrung der Madonna des Libanon. 1908 wurde auf dem Gipfel eines bewaldeten Berges eine weiße Statue aufgestellt. Sie steht auf einem gemauerten Sockel und ist über eine spiralförmige Treppe, die an einer Aussichtsplattform zu Füßen der Jungfrau Maria endet, erreichbar. In dem Sockel ist eine kleine Kapelle eingerichtet. Das ganze Jahr über ist „Our Lady of Lebanon“ Ziel vieler Gläubiger verschiedenster Konfessionen. Wenige Schritte von der Marienstatue entfernt, wurde vor einigen Jahren eine moderne Kirche in Form einer stilisierten Zeder erbaut. Dann geht’s wieder bergab, diesmal mit Blick auf das schon für die Nacht beleuchtete Beirut.

Drei Tage wach

Das Nachtleben ist die eigentliche Attraktion dieser Stadt. Nicht umsonst galt sie lange Zeit als „Paris des Nahen Os- tens“. Abgesehen von den unzähligen Bars und Restaurants gibt es eine Un- menge an Clubs und Diskotheken. Angesagte internationale DJs und Künstler bespielen hier ein Publikum, das bunter nicht sein könnte. Weltweit bekannt ist etwa das B 018. Dabei handelt es sich um einen Nachtclub, der im halbindustriellen Viertel Quarantaine in einen Bombenkrater gebaut wurde. Besonderes High- light: Ein hydraulischer Arm kann den Metalldeckel des Bunkers, der einen Durchmesser von mindestens 25 Metern hat, anheben und den Blick auf die Sterne oder die aufgehende Sonne freigeben.

Autor: Berit Glaser