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Von amüsant-peinlich bis lebensgefährlich: Verhaltensauffällige Flugpassagiere sind die Herausforderung über den Wolken. Doch der Horror an Bord kommt gar nicht so selten vor, wie man annehmen würde.

 

Russisch – im sprichwörtlichen Wienerisch – ging es bei einem Flug der Siberia Airlines von St. Petersburg nach Nowosibirsk zu. Ein 47-jähriger Passagier begann ohne sichtbaren Anlass, Mitreisende zu schlagen, später zog er sich nackt aus und belästigte eine junge Frau, sogar ein Baby wurde von ihm verbal attackiert. Während das Kabinenpersonal ratlos war, verfrachteten einige Männer den Randalierer in eine leere Sitzreihe und hielten ihn bis zur Landung fest. Es bedurfte mehrerer Polizisten, um den Nackten zu bändigen und abzuführen.
Ausgerechnet im österreichischen Luftraum versuchte ein Amerikaner, in das Cockpit eines Airbus A319 der Lufthansa auf dem Weg von Frankfurt nach Belgrad einzudringen und drohte, die Maschine zum Absturz zu bringen. Als das nicht gelang, machte sich der Mann am Notausstieg zu schaffen – und wurde vom Bordpersonal überwältigt. Im Belgrad wartete bereits die Polizei. Ähnliches wurde im August 2016 auf dem Weg von Neuseeland nach Kuala Lumpur beinahe zum Alptraum, als ein 32-Jähriger versuchte, eine Türe mitten im Flug zu öffnen. Ein Gericht verurteilte ihn im Zuge eines Schnellverfahrens zu umgerechnet 1.240 Euro Geldstrafe.
Gleich 25 randalierende Chinesen wurden auf dem Flughafen von Kunming festgesetzt, nachdem ihr Jet bereits fünf Stunden Verspätung hatte und dann noch auf das Enteisen warten musste. Das war zu viel: Die wütende Passagiermeute öffnete drei Notausstiege, um eine Rückkehr zum Terminal zu erzwingen. Das gelang, doch das Ziel war eine Zelle.
Total blauäugig verursachte ein chinesischer Erstflieger einen Schaden von knapp 15.000 Euro. Nach der Landung hatte er es eilig, an die frische Luft zu kommen, öffnete den Notausstieg und aktivierte die Notrutsche. Die Airline verzichtete auf Schadensersatz – es sei schließlich die Flug-Premiere des Passagiers gewesen.
Pikantes erlebten die Reisenden an Bord eines Ural Airlines-Fluges von der Türkei nach Moskau: Eine Dame trocknete ihr Unterhöschen, stets über Kopf gehalten, unter der Lüftungsdüse. Die zwanzigminütige Prozedur wurde von anderen Passagieren auf Foto und Video festgehalten. „Gesagt hat niemand etwas, obwohl alle sehr interessiert zusahen“, kommentiere später eine Beobachterin.

Gérard Depardieu
pinkelt in der Kabine

Noch Deftigeres lieferte der Filmstar und Wahl-Russe Gérard Depardieu im August 2011 an Bord eines Jets von Paris nach Dublin ab, sein Fauxpas sorgte weltweit für Schlagzeilen und Häme. Kurz vor dem Start, die Benutzung de Toiletten war nicht mehr möglich, monierte der damals 62-Jährige lautstark, dass er urinieren müsse. Der angeblich völlig nüchterne Schauspieler wartete verzweifelt eine Viertelstunde zu. Nachdem es zu einem Stau vor dem Take-off kam, hätte Depardieu weitere zwanzig Minuten zusammenzwicken müssen. Zuviel für den Mann in Nöten – der mit ihm reisende Mime Edouard Baer offerierte eine Flasche, in die Monsieur Depardieu dankend hineinpinkelte. Ob ein wenig oder gar viel daneben ging, ist nicht so genau überliefert.

Renitente Passagiere auf dem Vormarsch

Zwar werden Dank omnipräsenter Mobiltelefone immer öfter heitere und ernste Zwischenfälle über den Wolken dokumentiert und eifrig in den sozialen Netzwerken gepostet. Doch das Problem mit auffälligen Passagieren hat durch die enorm gestiegene Anzahl von Flügen – und vor allem durch Billigairlines – dramatische Dimensionen angenommen. Die International Air Transport Association IATA reagierte und widmete sich vor drei Jahren ausführlich dem Thema und beleuchtete auf siebzig Seiten alle Aspekte zu „Prävention und Umgang mit renitenten Passagieren“.
Besonders Kabinencrews sind in einer prekären Situation, denn in zehntausend Metern gibt es kein Entkommen vor Po-Grapschern, Gewalttätern oder Betrunkenen. Die IATA unterscheidet zwischen diversen Arten der Gefährdung, von tätlichen Angriffen über Beschimpfungen und Drohungen gegen die Crew, dem Ignorieren von Anweisungen des Piloten bis hin zur Bedrohung von Mitreisenden, sexuellen Übergriffen und Sachbeschädigung. Natürlich ist nach wie vor das Rauchen auf den Toiletten ein Thema, das trotz langjähriger Verbote häufig zu Alarmen im Cockpit führt. Immerhin werden pro Jahr beinahe zehntausend Vorfälle mit „renitenten Passagieren“ gemeldet.
Die IATA rät anhand konkreter Beispiele, in deren Zentrum zumeist alkoholisierte Personen oder solche unter Drogeneinfluss stehen, zur genauen Analyse des Problems, dessen Konsequenzen für das Flugzeug und der Personen an Bord und richtigen Reaktion darauf. Die Bodencrew ist besonders gefordert, denn bereits vor dem Boarding können Risikopassagiere aussortiert werden. Dabei soll mit einem Ampelsystem vorgegangen werden: Ein entspannt aussehender Reisender erhält die Farbe Grün, jemand, der häufig übertrieben lacht oder sich sehr laut unterhält, überfreundlich ist oder zu viel trinkt, Gelb. Bei Rot ist Gefahr im Verzug: Der Betroffene lallt, verschüttet Getränke und kann nicht mehr deutlich sprechen. Hier kann im Extremfall der Zugang zur Maschine verwehrt werden. Um richtig auf potenzielle Gefahren zu reagieren, rät die IATA ihren Mitglieder-Airlines zu sorgfältigen, intensiven und regelmäßigen Trainings und Schulungen. Erfahrungen zeigen aber, dass vor allem bei Billigairlines diese wichtigen Sicherheitsunterweisungen des Bordpersonals selten oder gar nicht stattfinden.
In der Luft wird zwischen ernsthaften Zwischenfällen wie körperlicher Gewalt oder Beschädigung der Kabine und verbalen Exzessen, die als weniger schwerwiegend gelten, unterschieden. Wie die Flugzeugbesatzung in den jeweiligen Fällen zu reagieren hat, wann Einsatzkräfte am Boden verständigt werden sollen, bleibt ein Geheimnis: Diese Teile der IATA-Studie sind auf nur auf Anfrage ausschließlich den Airlines und deren Mitarbeitern zugänglich.

 

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Bildcredit: Pixabay