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Lothar W. ist immer noch sauer. „Ich bin auf einmal schweißnass in diesem Taxi gesessen. Mein Notebook war blockiert, drei Stunden vor dem Meeting gab es keinen Zugriff mehr auf die Präsentationen. Ich hätte vor Wut schreien können“, denkt der Manager einer internationalen Modekette zurück an jene Ausnahmesituation. „Dann ist wie aus dem Nichts eine Nachricht am Monitor aufgepoppt. Ich soll jetzt sofort eine bestimmte Summe überweisen, dann wird mein Computer sehr bald wieder funktionieren.“

Ohne langes Nachdenken geht das geforderte Geld online an einen unbekannten Empfänger. Kurze Zeit später läuft der Patient wieder im Normalmodus, von den Angreifern aus der Dunkelheit fehlt jede Spur. „So ein verdammter Mist ist mir noch nie passiert. Da bleibt ein unangenehmes Gefühl zurück“, beschreibt der Geschädigte seine lädierte Gemütslage. Als Auslöser fungierte ein beklemmendes Phänomen, das zu den modernen Plagen zählt: Erpresser-Software, im Fachjargon auch als Ransomware bekannt.

Solche Schädlinge verschlüsseln in der Sekunde sämtliche Inhalte von Rechnern und können über das interne Netzwerk im Blitztempo zahllose weitere Geräte in zieren. Ab diesem Zeitpunkt liegt die gesamte Kontrolle in fremden Händen. Was jeden privaten User bibbern lässt, erweist sich für Firmen als Horrortrip. Die Angreifer blenden auf dem Monitor ein, dass sie Cash sehen wollen. Der Betrag soll in Bitcoins auf ein anonymes Konto gelangen. Dann wird der Schlüssel übermittelt, der die Blockade aufhebt.

Was bedeutet, dass Lothar W. Glück im Unglück gehabt hat. Die Erpresser konnten nicht weiter in die Infrastruktur des Arbeitgebers vordringen und dort unabsehbaren Schaden anrichten. Ein schwacher Trost für das einzige Opfer der hinterlistigen Erpressung und ein irritierendes Signal: Führungskräfte können auf Reisen manchmal in übler Begleitung unterwegs sein, ohne es zu bemerken. Unliebsame Überaschungen sind immer möglich – dazu ist kein Parkplatz mit fahler Beleuchtung erforderlich. Sondern bloß ein Endgerät im Radar von skrupellosen Abstaubern.

 

Hochprofitables Geschäft Cyberkriminalität

Solche minutiös aufgebauten Fallen zählen zu den Schattenseiten der Digitalisierung, die abseits aller Vorteile neue Risiken erschaffen hat – ebenso für die Belegschaft auf Achse. „Cyberkriminalität ist heute ein hochprofitables, professionell organisiertes Geschäft. Hacker suchen daher Industrien, Anwendungen oder Personengruppen, die den besten Return on Investment versprechen. Darum nehmen diese Angreifer natürlich auch Geschäftsreisende ins Visier“, unterstreicht Sonja Meindl, Country Manager des IT-Security-Anbieters Check Point Software Technologies. Wer sich heute auf Außeneinsatz begibt, betritt also nicht selten spiegelglattes Parkett. Geschäftsreisen, früher eine nette Abwechslung zur Routine hinter dem Schreibtisch, erweisen sich zunehmend als Krisenzone. Fachkräfte in Flugzeugen, Dienstautos oder Zügen müssen auf verschiedenste Risiken gefasst sein, die wenig zu tun haben mit einem Cocktail an der Hotelbar oder dem Lunch im 5-Sterne-Restaurant. Vielmehr kann es ungemütlich werden, egal ob Kriminelle auftauchen, Revolutionen stattfinden, ein Anschlag riesige Panik auslöst oder der Taxifahrer kommentarlos ein unbekanntes Ziel ansteuert.

Trotzdem steigt kaum jemand auf die Bremse – schon alleine wegen des geschäftlichen Kalküls. „Acht von zehn Managern denken, dass der persönliche Kundenkontakt entscheidet, ob ein Auftrag zustande kommt oder verlängert wird. Sicherheit gewinnt daher an Bedeutung. 25 Prozent aller Befragten geben an, dass ihre Reise aufgrund politischer Unruhen im Zielland nicht wie vorgesehen stattfinden konnte. Jeder zweite fürchtet Terrorakte. Der Verzicht auf eine solche Reise bildet aber keine Option“, sagt Florian Storp, Vorsitzender des Ausschusses Business Travel im DRV (Deutscher Reiseverband).

Es ist der Lauf der Welt, der Fachleute stetig in Atem hält. Denn Terror, instabile Verhältnisse, organisiertes Verbrechen oder Naturkatastrophen hinterlassen überall ihre bitteren Spuren. Die Gefahren lauern aber nicht mehr nur bei Exkursionen in weit entfernte Niederlassungen oder Krisenzonen. Selbst in entwickelten Staaten gibt es keine Garantie mehr für reibungslose Abläufe. Sogar 30 Minuten Fahrzeit zur nahegelegenen Filiale können als Alptraum enden, sollten Gauner jenen Moment nutzen für Attacken. Wie komplex die Materie ist, zeigen kleine Details mit verhängnisvoll großer Wirkung. „Vermeintlich unwichtige Dokumente oder Entwürfe werden oft von Mitarbeitern einfach im Papierkorb entsorgt. Solche gedankenlos wegge- worfenen Informationen sind aber eine wertvolle Quelle für Erpressung oder Spionage. Im Extremfall kann der mögliche Schaden sogar existenzgefährdend für Unternehmen sein“, warnt Gilbert Wondracek, Senior Manager der Unternehmensberatung Deloitte Österreich.

Das Nervenkostüm scheint ohnehin strapaziert zu sein bei zahlreichen Beteiligten. Die Mobilitätsstudie 2017 des Wirtschaftsforums der Führungskräfte, erstellt zusammen mit Geschäftsreise-Spezialist Carlson Wagonlit Travel und den Marktforschern von Triconsult, liefern Indizien für latente Verunsicherung: Reaktionen auf unvorhergesehene Ereignisse während einer Geschäftsreise sind nämlich auf dem Weg zum Alltag. Große Betriebe ab 250 Mitarbeitern treffen Vorsorge durch ein eigenes Notfallmanagement.

 

Die vollständige Coverstory finden Sie im FaktuM 6/2018

Bildcredit: Adobe Stock