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Katar hatte ein ambitioniertes Programm. Das kleine Emirat am Golf wollte nicht nur im Tourismus und bei Airlines in der Weltspitze mitspielen. Nun sind es ausgerechnet seine Nachbarn, die diese Pläne durchkreuzen.

 

 

Mit der „National Vision 2030“ hatte Katar sehr früh ein Konzept entwickelt, das ein Leben in Wohlstand sichern sollte, sobald die natürlichen Ressourcen des Reichtums erschöpft sein würden. Laut diversen Studien sollten die Gas- und Erdölvorräte der Welt zwischen 2030 und 2050 zur Neige gehen. Der frühere Scheich Katars, Hamad bin Khalifa Al Thani, hatte dafür alles in die Wege geleitet: den Bau der künstlichen Halbinsel „The Pearl“ – ähnlich wie Dubais „The Palm“ –, den Ausbau von Qatar Airways, den Bau des Flughafens in Doha, das Museum für Islamische Kunst und selbstverständlich die FIFA Fußballweltmeisterschaft 2022, die er ins Land geholt hat.

Nicht immer war es einfach oder gar selbstverständlich. Katar musste investieren, manchmal auch in die richtigen Persönlichkeiten, wie allgemein gesagt wird. Und wäre es auch nur um diese Projekte gegangen, müsste der junge Emir, Scheich Tamim bin Hamad Al Thani, die Suppe nicht auslöffeln, die ihm nun Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrein und Ägypten eingebrockt haben.

 

Rundum-Blockade

 

Am 5. Juni 2017 um 5.50 Uhr verkündeten laut Al-Jazeera diese vier Länder dem Emirat Katar ein umfassendes Embargo: Bahrein war das erste Land, das den bisherigen Verbündeten darüber in Kenntnis setzte. Etwas später folgten die drei anderen. Die Grenzen wurden geschlossen, die Überflugsrechte wurde außer Kraft gesetzt, die Versorgung des Landes vorübergehend abgeschnitten. Katar war nicht bloß isoliert, sondern beinahe von der Welt abgeschlossen. Rund um die Landesgrenzen liegt Saudi-Arabien, vor der westlichen Küste liegt Bahrein.

Als Grund gaben die vier Länder an, Katar unterstütze terroristische Organisationen wie den Islamischen Staat (IS), Al-Quaida und die Muslimbruderschaft, die noch vor vier Jahren Ägypten regierten, nachdem der Arabische Frühling Husni Mubarak 2011 aus seinem Präsidentenamt vertrieben hatte.

Katar war immer wieder gut für Provokationen, insbesondere gegen den großen Nachbarn Saudi-Arabien, aber auch gegen Ägypten, insbesondere wenn diese Provokation auf der Weltbühne Beachtung fand. Als beliebtes Mittel dazu diente der staatseigene TV-Sender Al-Jazeera. Schon 2014 zogen einige arabische Staaten ihre Botschafter aus Doha ab. Diese Länder trafen die Entscheidung aufgrund des Vorwurfes, Katar beherberge Muslimbrüder. Diese sunnitisch-islamistische Bewegung war Ende 2013 als Terrororganisation eingestuft worden, nachdem sie zuvor eineinhalb Jahre mit Präsident Mohammed Mursi Ägypten regiert hatten.

Im Juni stellten die vier Blockade-Staaten Katar ein Ultimatum bestehend aus 13 Punkten (vgl. Kasten). Diese Bedingungen lehnte Katar rundweg ab. Die Führung Katars bezeichnete sie als den Versuch, das Land zu bevormunden. Man sah sich einer „Hetzjagd“ ausgesetzt.

Sehr rasch begannen die USA, die mit 10.000 stationierten Soldaten in der 30 km westlich von Doha gelegenen Militärbasis Al Udeid den größten Stützpunkt in der Region haben, zusammen mit Kuweit als Verhandler in diese unangenehme Situation einzugreifen.

Unangenehm ist die Situation deshalb, weil sowohl militärische als auch wirtschaftliche Aspekte für die Golfregion schlagend werden können. Katar wird mit der Blockade von der unter saudischer Führung stehenden Militärkooperation, die derzeit gegen den Jemen geführt wird, ausgeschlossen. Viel schwerer wiegt jedoch für Kuweit und die USA, dass der Iran nicht nur der größte Widersacher Saudi-Arabiens ist, sondern dass sich auch die USA unter Donald Trump wieder gegen den Iran stellen.

Auch die Rohstoffmärkte zittern, ob sich dieser Konflikt nicht auch auf die Öl- und Gaspreise auswirken würde. Kurzfristig war das tatsächlich der Fall, wenngleich nur in sehr geringem Ausmaß. Aber für zahlreiche europäische Unternehmen ist die Isolation Katars ein Potenzial für Probleme. Denn Katar hat sich durch die staatliche QIA (Qatar Investment Authority) an wesentlichen europäischen Konzernen beteiligt – allen voran VW, an dem Katar 15 Prozent der Stammaktien hält und damit drittgrößter Hauptaktionär ist. Auch an der deutschen Bank hat sich die QIA mit zwei Milliarden Euro eingekauft, was 6,1 Prozent der Aktien ausmacht. Den legendären Nobelhändler Harrods hat die QIA komplett übernommen. Die Liste der QIA-Beteiligungen ist lang und enthält noch weitere große Namen wie Royal Dutch Shell oder Glencore.

 

Meilen programmiert

 

20 Jahre ist er heuer CEO von Qatar Airways: Akbar Al Baker, CEO aller Abteilungen von Qatar Airways – von der Catering-Firma bis zur Fluglinie –, hatte in den letzten Jahren ein beeindruckendes Pensum abgespult. Und er hatte seine Airline auf einen beeindruckenden Expansionskurs gebracht. Kontinuierlich wurde die Flotte vergrößert, er legte sich mit allen an, die ihm in die Quere kamen und machte dabei keinen Unterschied zwischen dem Lufthansa-Boss Carsten Spohr, dem Vorsitzenden der Gewerkschaft Verdi, Frank Bsirske, oder dem Chef von American Airlines, Doug Parker. Dem hielt er vor, dass man in dessen Airline nur von Großmüttern bedient werde, während das Durchschnittsalter bei seiner Airline bei 26 Jahren läge. In einer Pressekonferenz auf der ITB Berlin meinte er auf die FaktuM-Frage, wie er reagieren würde, wenn der Flughafen in Doha nicht rechtzeitig fertig würde: „Ich bin auf jeden Fall guter Dinge! Denn: Entweder ich bekomme einen neuen Flughafen oder ich bekommen sehr viel Geld durch die Pönale.“

2016 hat Al Baker den Anteil der Qatar Airways an der IAG (International Airlines Group), zu der u.a. Iberia und British Airways gehören, von zwölf auf 15 Prozent erhöht. Damit ist er mit Abstand größter Einzelaktionär der IAG und hat seinen Einfluss bis weit nach Europa geltend gemacht, ähnlich dem Konzept der QIA. 

Jetzt, im Jubiläumsjahr und ein Jahr, nachdem er erstmals die Unternehmenszahlen präsentiert hatte, sieht er sich einem nahezu unlösbaren Problem gegenüber: einem verschlossenen Luftraum. Flüge nach Europa müssen über den iranischen Luftraum geleitet werden. Das kostet Zeit, Treibstoff, Geld. Dem Wachstum der erfolgreichen Fluglinie wurde ein herber Dämpfer versetzt.

Akbar Al Baker hatte öffentlich verlangt, dass die Maßnahmen gegen sein Land und seine Airline als illegal bezeichnet werden. Und er sagte, dass diese Blockade eine bleibende Wunde zurücklassen werde.

Doch trotz der Einschränkungen bleibt der Erfolg nicht aus. Ende August wurde Akbar Al-Baker zum Chairman des IATA Boards of Governors gewählt. Diese Funktion ist für ein Jahr bestellt, und er wird sie von 2018 bis 2019 ausüben. Ein starkes Zeichen der internationalen Airline-Community für Katar und Al Baker. „Seit mehr als zwei Jahrzehnten habe ich Luftfahrt gelebt und geatmet“, teilte er per Pressemitteilung mit, „und ich schaue vorwärts, um mich gemeinsam mit dem Boards of Governors für Passagierrechte einzusetzen und die Sicherheitsstandards in der Branche zu verbessern.“

Erst vor wenigen Tagen, am 16. Oktober, unterzeichnete Al Baker den Vertrag als Airline Sponsor für die bevorstehende FIFA U-17 Weltmeisterschaft in Indien. Und drei weitere Preise konnte Qatar Airways ebenfalls diesen Monat einfliegen: Die Cargo-Abteilung der Airline-Group gewann zwei Preise bei den Indian Cargo Awards sowie den Eddie & Ozzie Award für das beste Re-Design des Airline-Magazins.

 

Reisestopp

 

Katar hatte den Tourismus betreffend große Ziele. Man wollte aus dem Schatten Dubais treten, das den Tourismus im Golf erfunden zu haben schien. Doch man schaffte es nicht, ein ernsthafter Konkurrent für die Nachbarn zu sein. 2016 hatte das Land 2,9 Millionen Besucher – Dubai erreichte 9,61 Millionen Besucher.

So sollten Großprojekte dieses Ziel befeuern: Die FIFA-Weltmeisterschaft 2022 wurde ins Land geholt. Das Programm rund um das Fußball-Großereignis war Teil der „National Vision 2030“, die Katar in aller Ruhe und Kontinuität verfolgte. Die zahlreichen neu gebauten Hotels, die acht Stadien, der Ausbau der  Infrastruktur – alles folgt diesem Plan. Obwohl die aktuelle Situation den Fortschritt der Organisations- und Bauarbeiten nicht beeinträchtigt, hört man doch skeptische Stimmen, was die letztendliche Abwicklung dieser WM betrifft. So hält DFB-Präsident Reinhard Grindel einen Boykott der WM in Katar nicht mehr für „grundsätzlich unmöglich“. Für ihn ist jedoch wichtig, dass die politischen Lösungen Vorrang vor Boykott oder Androhungen haben.

Katar hat sehr früh erkannt, dass ein Tourismus-Boom à la Dubai ausbleiben werde. Im Zuge dieser Einsicht setzte man vor allem auf den MICE-Bereich, den man auch kontinuierlich auszubauen begann. Zusammen mit der FIFA-WM führte das zu erheblichen Investitionen in die Infrastruktur: 22 Milliarden Pfund für ein neues Zug- und U-Bahn-System, 4,5 Milliarden Pfund für einen Hafen und 11 Millionen in den neuen Flughafen in Doha zeugen von großen Ambitionen.

Mit der Blockade hat sich jedoch alles verändert. Einige Unternehmen überlegen den Rückzug aus Katar. Andere warten noch ab. Sollte es Katar nicht gelingen, eine politische Lösung für das Problem zu finden, werden möglicherweise einige Unternehmen ihre Investitionen verlieren. Die Wahrscheinlichkeit aber, dass es zumindest auch Europa etwas erschüttern wird, ist groß.   

 

Autor: Thomas Königshofer

Bildcredit: West Bay